Ferruccio Busoni (1866 - 1924) war ein musikalisches Universalgenie ersten Ranges und eine der faszinierendsten Gestalten der neueren Musikgeschichte. Als Pianist verband er die atemberaubende Artistik der Virtuosenschule des 19. Jahrhunderts mit höchster Vergeistigung im Vortrag der Werke Bachs, Mozarts und Beethovens, als Komponist gelang ihm eine Synthese von Bach, Beethoven, Liszt und visionärer Zukunftsmusik.
Ferruccio Busoni 1906»Unter einer »jungen Klassizität« verstehe ich die Meisterung, die Sichtung und Ausbeutung aller Errungenschaften vorausgegangener Experimente: ihre Hineintragung in feste und schöne Formen. ... Diese Kunst wird alt und neu zugleich sein - zuerst. Dahin steuern wir - glücklicherweise - bewusst und unbewusst, willig oder mitgerissen.«
(Busoni in einem Brief an Paul Bekker)
Gleichwohl haben seine Werke bis heute allenfalls den Bekanntheitsgrad von Insidertipps. Popularität genießen zwar die Klaviertranskriptionen Bachscher Orgelwerke, und manche Virtuosen erringen spektakuläre Erfolge mit Werken wie dem gigantischen, beinahe eineinhalbstündigen Klavierkonzert. Aber ins Innere seiner Tonsprache gelangt man erst bei der Beschäftigung mit seinen Opern, seiner Kammermusik und seinen kleineren Klavierstücken.
»Das Publikum will wissen, mit wem es zu tun hat. Um von ihm verstanden oder gar akzeptiert zu werden, muss der Künstler einwilligen, sich zu wiederholen. Diese Konzession wird Busoni - wie ich glaube - nie machen.«
(Jean-Philippe Chantavoine, in den »Musikblättern des Anbruchs«, 1921)
Man höre sich etwa die ab ca. 1906 entstandenen Elegien und Sonatinen, das Indianischen Tagebuch, die Toccata oder die »Stücke zur Pflege des polyphonen Spiels« an. In diesen intimen Formen spricht Busoni sich am direktesten aus - allerdings ohne offene Gefühlsausbrüche, obgleich er nicht vor herben Klängen zurückschreckt. Wie Mozart und Mendelssohn, zwei Komponisten, die er besonders bewunderte, gelingt es auch ihm, seine Gefühle im zarten Geflecht seiner Musik scheinbar keusch zu verbergen, aber dennoch dezent durchschimmern zu lassen.
»Nun trifft man im Leben ebenso selten auf Geschmack wie auf ein tiefes und wahres Gefühl ... Was übrigbleibt, ist eine Vorstellung von Gefühl, das mit Rührseeligkeit und Geschwollenheit bezeichnet werden muss, Und vor allem verlangt man seine deutliche Sichtbarkeit! Es muss unterstrichen werden, auf dass jeder merke, sehe und höre. Es wird vor den Augen des Publikums in starker Vergrösserung auf die Leinwand projektiert, so dass es aufdringlich und verschwommen vor den Augen tanzt; es wird ausgeschrien, dass es denen, die der Kunst fernstehen, in die Ohren dringe; übergoldet, auf dass es den Unbemittelten Staunen entreisse. Denn auch im Leben übt man mehr die äusserungen des Gefühls, in Mienen und Worten; seltener und echter ist jenes Gefühl, welches handelt, ohne zu reden, und am wertvollsten ein Gefühl, das sich verbirgt.«
(aus: »Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst«)
Busoni gehörte, wie ein halbes Jahrhundert zuvor Robert Schumann, zu denjenigen Meistern, die auch mit Worten für ihre überzeugungen fochten, und bei denen sich Weltanschauung und Werk nicht trennen lassen. Sehr hilfreich für das Einhören in die Musik Busonis ist daher die Kenntnis seiner Gedankenwelt. Diese fasst sein literarisches Hauptwerk »Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst« wie in einem Brennspiegel zusammen.
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